Jugendliche schenken Demenzkranken Zeit und Freude
Dieses Projekt schlägt eine Generationenbrücke und steht für viele konstruktive Aktivitäten in der Städteregion rund um das Thema Demografie – Die StädteRegion Aachen stellt solche Ideen beim „Markt der Möglichkeiten“ jedem Interessierten vor.
Draußen hängt ein bleigrauer Himmel über Simmerath, und Regen trommelt gegen die Fenster. Im Gesicht der betagten Frau jedoch scheint die Sonne als sie „ihr Mädchen“ entdeckt. Die 15-jährige Celine Stiel ist aber keine Enkelin, die ihre Oma besuchen kommt. Gemeinsam mit Meike Call (16), Cara Rongen (15) und vielen anderen Jugendlichen schenkt sie – Zeit. Darauf basiert das Projekt Jung und Alt: Kreative Generationenbrücke. Celine erhält sogar eine Gegengabe: „Wir können viel von den alten Leuten hier lernen. Und wertvolle Erfahrungen machen.“
Hier, das ist das Seniorenstift "Seliger Gerhard" in Simmerath. Unter den Bewohnern sind zahlreiche Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Das gilt ebenfalls für die Paten der jungen Frauen, die die Mädchenrealschule St. Ursula in Monschau besuchen und ein Mal in der Woche darauf verzichten, ins Kino, bummeln oder zu Freunden zu gehen, sich stattdessen in den Bus setzen und lange Wege auf sich nehmen, um alten Menschen den Nachmittag zu versüßen. „Was man gern macht, dafür findet man auch Zeit“, betont Celine, dass es kein Problem ist, Schule, Hobbies und dieses Projekt unter einen Hut zu bringen. Cara erinnert sich, dass die demenzielle Erkrankung von Anfang an keine Hemmungen ausgelöst hat: „Berührungsängste hatten wir nicht, wir sind einfach auf die Leute zugegangen, und das hat super funktioniert. Sie sind alle nett und offen und freuen sich total.“
Unterstützung und Vorbereitung müssen natürlich sein. Das gewährleistet die Projektkoordinatorin Petra Schiller gemeinsam mit dem Demenz-Service-Zentrum Regio Aachen/Eifel: Sie helfen den Teilnehmern des Projekts, die Krankheit zu verstehen und mit ihr umzugehen. „Wenn die Mädchen weg sind, vergessen die meisten Senioren sofort wieder, dass sie überhaupt da waren. Die Vorfreude ist dementsprechend nicht gerade ausgeprägt. Aber wenn die jungen Damen dann zur Tür reinkommen, können unsere Bewohner das durchaus einordnen und freuen sich riesig“, beschreibt die stellvertretende Pflegedienstleiterin vom Seniorenstift Seliger Gerhard, Bianca Schiffer, Besonderheiten der Zusammentreffen.
„Spiele-Nachmittag!“, verkünden die Schülerinnen, und ein Raunen geht durch den Raum. Das triste Herbstwetter ist bald vergessen, wenn auf den großen Tischen Spielbretter aufgebaut sind und sich rasch Teams bilden. Die Stimmung ist gelöst, immer erklingen Lachen und Händeklatschen. An einem Mensch-ärgere-dich-nicht-Brett sind die grünen Figürchen noch nicht vergeben. „Darf ich mitspielen?“, fragt eine grauhaarige Dame, die eigentlich nicht zu den Paten der Jugendlichen gehört. „Klar“, sagt Meike, steht auf und rückt ihr den Stuhl zurecht. „Spielen steht natürlich nicht immer auf dem Programm, obwohl die Senioren das gern mögen“, erläutert Meike später, „Wir gehen bei gutem Wetter auch spazieren oder unternehmen etwas. Letztens waren wir einkaufen, zu Ostern haben wir Eier gefärbt. Wir überlegen uns vorher, was wir machen könnten, und sprechen es mit Frau Schiffer ab, was möglich ist.“ Sie ist angetan von dem hohen Maß an Eigeninitiative, die diese besonderen Besucher jede Woche mitbringen. „Sie rufen vorher an, teilen sich die Zeit selbst ein, haben gute Einfälle: Es klappt wirklich prima, und die Zeit mit den Schülern tut unseren Bewohnern gut und macht ihnen Spaß“, zieht Frau Schiffer ein durchweg gutes Resümee.
Dabei kann sie auf viele Erfahrungswerte zurückgreifen, denn das Projekt läuft bereits zwei Jahre. „2010 stand die 300-Jahr-Feier der Mädchen - Realschule St. Ursula an, und auf der Suche nach einem sozialen Projekt haben wir Besuche in dem Seniorenstift organisiert“, schaut Frau Schiller zurück. Was nur für einen kurzen Zeitraum geplant war, hat sich zum Selbstläufer entwickelt, wie die Projektkoordinatorin erzählt: „Einige Teilnehmerinnen wollen unbedingt weitermachen. Ich weiß noch, dass eine Heimbewohnerin gefragt hat, ob sie wiederkommen, das hat vielleicht zu dem Entschluss beigetragen. Und eine weitere Schule ist dem Beispiel gefolgt. Meike Knauf und Felix Offermanns, beide 16 Jahre alt und Schüler an St. Michael Gymnasium in Monschau. Sie fahren regelmäßig nach Roetgen und rechnen mit ihren Paten zum Beispiel spielerisch – was machmal „ganz schön kniffelig“ sein kann. „Diese Begegnungen sind super, um den Umgang mit älteren Menschen im Allgemeinen und mit Krankheiten wie Demenz im Speziellen umgehen zu lernen“, sind beide sich einig.
Das Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, wie junge und alte Generationen in der Städteregion aufeinander zugehen und voneinander lernen. Natürlich nur eines von vielen, aber eines, das deutlich zeigt und dafür steht, wie Alt und Jung Brücken schlagen können, statt sich aus dem Weg zu gehen. Bis auf die Beteiligten weiß jedoch häufig niemand von solchen Aktivitäten. Das soll sich nun ändern: Die StädteRegion Aachen lädt am Samstag, 13. November (Details siehe Dokument Übersicht) zum Markt der Möglichkeiten nach Stolberg. Dort erfahren Interessierte mehr über dieses und viele weitere Projekte, Initiativen, Verbände und Vereine, die der Demografie-Entwicklung konstruktiv begegnen. Und wenn im Großen und Kleinen bald weitere Ideen wie diese generationenübergreifend verbinden, kommen sich noch weitaus mehr Senioren dem Fazit anschließen, das Bianca Schiffer übermittelt: „Unsere Bewohner sind sehr angetan von den Besuchen der Schüler. Ich habe schon ganz oft gehört: 'Das war so schön, wann kommen die jungen Leute denn wieder?' Und auch: 'Die Jugend heutzutage ist gar nicht so schlecht. Im Gegenteil. Sie ist richtig lieb und gut.'“